2012-02-23
Der Koordinationsrat der Muslime erinnert an die Opfer der Neonazi-Mordserie in der zentralen Gedenkfeier in Berlin

Köln, Donnerstag 23.02.2012 – Heute wird in einer zentralen Gedenkfeier an die Opfer der Neonazi-Mordserie gedacht.

Anlass dieser Gedenkfeier sind die Opfer der rechtsextremistischen Neonazi-Terrorgruppe NSU. Der NSU konnte über zehn Jahre in Deutschland unbehelligt Menschen mit Migrationshintergrund planmäßig nach neonazistischem Gedankengut ermorden. Bekir Alboğa, Sprecher des Koordinationsrates der Muslime in Deutschland, betrachtet es als unfassbar, dass heute noch in Deutschland mit neonazistischer und rechtsradikaler Motivation Menschen umgebracht und täglich fast 3, jährlich etwa insgesamt 900 neonazistische Verbrechen und Angriffe auf Migranten, Muslime und ihre Einrichtungen verübt werden.

So wollen wir am heutigen Tag derer Gedenken, die als Opfer dieser Verbrechen ins kollektive Gedächtnis eingehen werden:

Enver Şimşek, Abdurrahim Özdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat, Theodoros Bulgarides und Michele Kiesewetter. Allen Angehörigen der Opfer möchten wir als KRM erneut unser herzliches Beileid aussprechen.

Bekir Alboğa, Sprecher des KRM, fasst die Ereignisse weiterhin wie folgt zusammen: „Das ungehinderte und unbemerkte Treiben rechtsradikaler Gewalttäter im Unter- und Hintergrund mit seinen zahlreichen Opfern hat uns alle erschüttert. Der rechtsradikale Terror hat das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Staatsapparate erheblich zerstört. Der Staat, der seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen hat, konnte den hasserfüllten Mord an unschuldigen Menschen mit einer anderen ethnischen Herkunft und Religion nicht verhindern. Durch Vorverurteilungen der Ermordeten bei Ermittlungen mit vermeintlicher Nähe zu kriminellen Machenschaften und Ausschluss von rechtsradikalem Hintergrund wurden nicht nur die Opfer, sondern auch ihre Familien zutiefst verletzt und verschmäht. Ein früheres Eingreifen der Sicherheitskräfte bei zu vielen ungenutzten Gelegenheiten hätte diese Morde verhindern können.“

Der Koordinationsrat der Muslime hat diesbezüglich am 23. November 2011 einen offenen Brief an den deutschen Staat und an die deutsche Öffentlichkeit formuliert, der von zahlreichen islamischen Religionsgemeinschaften und vielen anderen Migrantenorganisationen mit unterzeichnet wurde und weiterhin mitgetragen wird.

„Als Koordinationsrat der Muslime haben wir immer wieder Politik und Gesellschaft auf die Gefahren des Rechtextremismus aufmerksam gemacht und sind dabei leider allzu oft auf taube Ohren gestoßen. Wir als Muslime und Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen sehen einen akuten Handlungsbedarf, der über eine reine Aufklärung dieser Mordserie weit hinausgehen muss.“ führt Bekir Alboğa weiter aus.

Die Opfer der Neonazi-Terrorgruppe werden nach Mölln und Solingen als Mahnmal in die deutsche Geschichte eingehen und hoffen, dass dies endgültig das letzte Mal sein wird, an Opfer des Rechtsradikalismus zu gedenken. Das erneute und immer wiederkehrende Geschehen dieser Verbrechen zeigt, dass im Grunde die Maßnahmen noch nicht erfolgreich sind, das neonazistische Gedankengut ewig aus dieser Gesellschaft zu verbannen. „Die Einrichtung einer Untersuchungskommission des Bundesrates und die heutige zentrale Gedenkfeier können als klare Signale der gesamten deutschen Gesellschaft gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gelten. Dennoch sind sie nicht ausreichend, um nachhaltig rechtsradikale Verbrechen zu verhindern. Dem rechtsradikalen Extremismus muss der Nährboden durch eine Anerkennungskultur entzogen werden, um weiterhin unseren Staat und unsere demokratische Rechtsordnung zu bewahren.“, erklärt Alboğa.
„Wir hoffen, dass der neue designierte Bundespräsident, sich für den Zusammenhalt und das Zusammenwachsen in unserer Gesellschaft mit ihrer Vielfalt einsetzt. Förderung der Bürgerrechte, auch der Migranten und der Muslime, und in diesem Rahmen ebenfalls die freie Religionsausübung der Muslime dürfte dabei für ihn wichtig sein. Die ethnische und religiöse Vielfalt in unserem Lande ist ein Gewinn und muss geschützt werden. Dazu gehört auch der Islam.“, sagte Bekir Alboğa abschließend.
   

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